Wir brauchen eine Kohlenwasserstoffagenda für Deutschland - en2x

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Wir brauchen eine Kohlenwasserstoffagenda für Deutschland

Raffinerien, Tanklager, Pipelines, der Handel und die Lieferung vor Ort: Die Versorgung Deutschlands mit Kraft- und Grundstoffen hat eine enorme Bedeutung. Es geht um ein gutes Drittel der deutschen Energieversorgung. Für die Raffineriestrategie der Bundesregierung bedeutet das: Resilienz, bessere Wettbewerbsbedingungen und Investitionsanreize sind entscheidend.

Was die Raffineriestrategie erreichen soll

Mit der Raffineriestrategie will die Bundesregierung die Versorgung mit Kohlenwasserstoffen sichern, also mit Energie für Verkehr und Wärme und mit Grundstoffen etwa für Chemie und Bau. Zugleich sollen die Raffinerien zu Standorten für erneuerbare Kraft- und Grundstoffe werden. Der Prozess startet am 23. Oktober 2026 und behandelt drei Themenfelder: Investitionsbedingungen, Infrastrukturen sowie Versorgungssicherheit und Resilienz.

Die Strategie berührt mehr als Wirtschaft und Energie: Es geht um Verkehr und Wohnen, Klimaschutz und Verteidigungsfähigkeit, für die Bundesländer um Wertschöpfung und Arbeitsplätze in den Regionen.

Resilienz als Leitgedanke der Raffineriestrategie

Bisher folgte die Energiepolitik vor allem einer Leitfrage: Wie erreicht Deutschland seine Klimaziele möglichst kostengünstig? Die Raffineriestrategie muss eine zweite Frage gleichrangig stellen: Wie bleibt die Versorgung auch in Krisen gesichert?

Was das praktisch heißt, zeigt die aktuelle Energiekrise. Durch den Krieg am Persischen Golf sind knapp 20 Prozent der weltweiten Versorgung mit flüssigen Kohlenwasserstoffen weggefallen, Schäden an Raffinerien infolge des russischen Kriegs gegen die Ukraine verknappen das Angebot zusätzlich. Die Knappheit hat zu höheren Preisen geführt, bislang aber nicht zu Versorgungsausfällen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern aus Sicht von en2x den heimischen Raffinerien sowie den Versorgungs- und Importstrukturen zu verdanken.

Der Bedarf bleibt: Raffinerien stehen am Anfang zahlreicher Wertschöpfungsketten, etwa in der Chemie-, Kunststoff- und Bauwirtschaft. Feste, flüssige und gasförmige Energieträger, also Moleküle, decken heute rund vier Fünftel des Endenergieverbrauchs. Luftverkehr, Schifffahrt, Teile des Schwerlastverkehrs sowie Bau- und Landmaschinen lassen sich kaum elektrifizieren, Fahrzeuge und Heizungen im Bestand laufen noch viele Jahre.

Resilienz gibt den Ausschlag: Moleküle lassen sich einfach bevorraten, Strom nur eingeschränkt speichern. Der Erdölbevorratungsverband hält Reserven für mindestens 90 Tage der Nettoeinfuhren vor. Flüssige Energieträger gelten als „Super-KRITIS“: Fällt der Strom aus, halten sie Krankenhäuser, Wasserversorgung und Rechenzentren am Laufen. Rettungsdienste und Bundeswehr bleiben auf flüssige Kraftstoffe angewiesen. Die Bundesregierung zählt Raffinerieprodukte selbst zur Sicherheitsarchitektur Deutschlands und Europas. Heimische Raffinerien und Infrastrukturen sind damit strategisch unverzichtbar.

Resilienz bedeutet: Heimische Raffinerien erhalten, auf diversifizierte Bezugsquellen setzen, Infrastruktur leistungsfähig halten und Ausweichmöglichkeiten vorhalten. Zugleich müssen die Standorte schrittweise auf erneuerbare Rohstoffe umstellen.

Warum sich Investitionen in Deutschland zu oft nicht lohnen

Die Standorte zu sichern und zukunftsfest aufzustellen, erfordert private Investitionen in Milliardenhöhe. Die Schlüsselfrage lautet deshalb: Lohnen sich Investitionen in Deutschland? Die Antwort ist zu oft: Nein, weil die Wettbewerbsbedingungen anderswo besser sind.

Höhere Strom- und Gaspreise und der CO₂-Preis im EU-Emissionshandel, den Wettbewerber außerhalb der EU nicht zahlen, summieren sich auf Kostennachteile von mehr als sechs Cent je Liter Rohöl. Dazu kommen lange Genehmigungsverfahren, aufwendige Nachweispflichten und weitere Faktoren:

  • Strengere Umsetzung: Deutschland setzt europäische Richtlinien strenger um als seine Nachbarn, etwa beim Co-Processing, also der gemeinsamen Verarbeitung fossiler und erneuerbarer Rohstoffe.
  • Unsicherer Emissionshandel: Raffinerien erhalten bisher einen Teil ihrer CO₂-Zertifikate kostenlos. Wird das an zusätzliche Bedingungen geknüpft, drohen nach Einschätzung von en2x Schließungen schon vor 2030.
  • EU-Flottenregulierung: Die CO₂-Vorgaben für neue Fahrzeuge sind bislang nicht technologieneutral. Ohne langfristigen Absatzmarkt fließen kaum Investitionen in erneuerbare Kraftstoffe.
  • EU-Methanverordnung: Ab 2027 müssen Importeure nachweisen, dass bei der Förderung ihres Rohöls Methanemissionen nach EU-gleichwertigen Standards erfasst werden. Ein System, mit dem Unternehmen das prüfen können, gibt es nicht.

Hinzu kommen Eingriffe in den Markt, begründet mit hohen Kraftstoffpreisen. Dass die hohen Preise die Menschen besorgen, ist nachvollziehbar. Der Vorwurf der Preistreiberei hält einem Faktencheck aber nicht stand: Laut einer Kurzstudie von Frontier Economics im Auftrag von en2x lagen die deutschen Nettopreise für Benzin und Diesel, also die Preise ohne staatlich bedingte Bestandteile, von Mai bis August 2026 im Durchschnitt niedriger als in fast allen EU-Nachbarländern. Selbst Luxemburg und Belgien mit ihren Preisdeckeln lagen darüber.

Preisdeckel senken die Nettopreise also nicht, können aber die Versorgung gefährden. Ein zu hoch angesetzter Preisdeckel erhöht die Durchschnittspreise eher. Bei einem zu niedrig angesetzten Preisdeckel müssten Raffinerien die Produktion verringern oder ins Ausland verkaufen, um kostendeckend arbeiten zu können.

Eine Übergewinnsteuer ist ebenso verfehlt, denn die Erträge von Raffinerien schwanken stark mit den Marktbedingungen. Schon die Debatte über solche Eingriffe sendet, wie das verschärfte Kartellrecht, ein fatales Signal an Investoren.

Die Folgen: Unternehmen investieren in anderen Ländern, fahren hierzulande Kapazitäten herunter oder ziehen sich ganz vom Standort zurück. Das schwächt die Resilienz. Auf dem Spiel stehen rund 52 Milliarden Euro gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung und rund 584.000 Arbeitsplätze, die an der Mineralölwirtschaft hängen.

Ohne Wettbewerbsfähigkeit kann es auch keine Transformation geben: Den Umstieg auf erneuerbare Rohstoffe müssen die Unternehmen aus dem laufenden Geschäft finanzieren.

Was en2x zu Investitionen, Infrastruktur und Versorgungssicherheit vorschlägt

Investitionsbedingungen: Energie- und CO₂-Kosten müssen international konkurrenzfähig sein. Der EU-Emissionshandel muss über 2039 hinaus planbar sein. Solange andere Länder keinen vergleichbaren CO₂-Preis erheben, braucht es Schutz davor, dass Produktion und Emissionen ins Ausland abwandern. Vorgaben für erneuerbare Kraftstoffe (RED und Treibhausgasminderungsquote) müssen langfristig planbar sein, dürfen nicht strenger ausfallen als in den Nachbarländern und müssen Co-Processing erlauben – also das eine Raffinerie erneuerbare und fossile Rohstoffe in einer Anlage verarbeitet. Für klimaschonende Produkte braucht es einen langfristigen Absatzmarkt, etwa durch eine technologieneutrale EU-Flottenregulierung. Wer als Erster in Wasserstoff, erneuerbare Kraftstoffe oder CO₂-Abscheidung investiert, trägt hohe Anfangsrisiken; Förderprogramme müssen deshalb auch Raffinerien offenstehen. Genehmigungen müssen schneller und digital laufen.

Vor- und nachgelagerte Infrastrukturen: Importinfrastruktur, Pipelines, Tanklager, Häfen, Wasserstraßen, Schiene und Straße bis hin zur Versorgung vor Ort bilden ein zusammenhängendes System, das als Ganzes erhalten und ausgebaut werden muss. Für den Umbau brauchen die Standorte rechtzeitig Anschlüsse an Strom-, Wasserstoff- und CO₂-Netze. Die Transformation muss stärker industriepolitisch gedacht werden, mit staatlichem Engagement etwa beim Aufbau einer CO₂-Infrastruktur als Ergänzung zum Wasserstoffnetz.

Versorgungssicherheit und Resilienz: Heimische Raffinerien, ihre Lieferwege und Lieferinfrastrukturen gehören zur kritischen Infrastruktur und müssen als solche geschützt werden. Für den Ernstfall braucht es einfache Regeln, wie Kraftstoffe verteilt werden, und eine klare Zuständigkeit bis zum Endverbraucher.

Was am Ende der Raffineriestrategie stehen muss

  • Kohlenwasserstoffagenda: abgestimmte Strategie statt getrennter Pläne einzelner Ministerien. 
  • Ehrlicher Realitätscheck: Welche Regeln ermöglichen Investitionen und stärken Resilienz, welche bewirken das Gegenteil? 
  • Weniger und bessere Regulierung: einfache, widerspruchsfreie Regeln mit langfristiger Rechtssicherheit. 
  • Konkrete Maßnahmen statt eines weiteren Strategiepapiers: national und auf EU-Ebene. 

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