Ukraine-Krieg und Mineralölversorgung

en2x-Übersicht zur aktuellen Lage: Der Krieg in der Ukraine und seine Folgen für die Energieversorgung

Update vom 30.05.2022 | Der Krieg in der Ukraine ist ein einschneidendes historisches Ereignis – auch für die Energieversorgung in Deutschland. Der en2x – Wirtschaftsverband Fuels und Energie e. V. hat deshalb jetzt in einer Übersicht die derzeitige Situation im Hinblick auf die Versorgung mit Mineralölprodukten zusammengefasst.

Verantwortung

Wir, der en2x – Wirtschaftsverband Fuels und Energie, verfolgen gemeinsam mit unseren Mitgliedsunternehmen den Krieg Russlands gegen die Ukraine mit großer Sorge. Unsere Gedanken und unser Mitgefühl gelten den Opfern dieses Krieges, den Verletzten und Vertriebenen, und all jenen, die Angehörige oder Freunde verloren haben. Die weitere Entwicklung der Ereignisse ist nur schwer vorherzusehen, doch wir hoffen auf einen schnellen und dauerhaften Frieden.

Von den Kriegsfolgen ist auch die deutsche Energieversorgung betroffen. Unsere Mitgliedsunternehmen sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Sie arbeiten daran, die Versorgung mit flüssigen Kraft- und Brennstoffen sowie weiteren Produkten sicherzustellen und zugleich schrittweise unabhängig von Importen aus Russland zu werden. Wir unterstützen unsere Mitgliedsunternehmen dabei in enger Abstimmung mit Politik, Behörden und anderen Verbänden der Energiewirtschaft.

Durch den Krieg ist auch die Versorgung mit Kraftstoffen in der Ukraine massiv beeinträchtigt. Unternehmen unseres Verbandes stehen im engen Dialog mit der Bundesregierung, um Lieferungen insbesondere der dringend benötigten Kraftstoffe Benzin und Diesel in die Ukraine zu organisieren.

Preisentwicklung

Die Mineralölgesellschaften hierzulande haben sofort nach Kriegsbeginn auf eigene Initiative angekündigt, ihre Importe an russischem Rohöl und auch an Produkten wie Diesel zurückzufahren. Diese erwartete Reduzierung der Bezugsquellen hat bei gleich hoher oder sogar gestiegener Nachfrage zu den höheren Marktpreisen geführt. Trotz dieser angespannten Situation gelingt es den Unternehmen, die Versorgung mit Benzin, Diesel, Heizöl und allen weiteren Mineralölprodukten aufrechtzuerhalten.

Diese Entscheidungen zeigen an den Rohölmärkten bereits erhebliche Auswirkungen. So hat sich die Preisdifferenz zwischen der typischen russischen Rohölsorte „Urals“ und der Notierung „Brent“ für ein Rohöl aus der Nordsee von ca. 2 Dollar pro Barrel seit dem 24. Februar schlagartig und deutlich erhöht. Derzeit beträgt der Preisabschlag für russisches Rohöl mehr als 30 Dollar pro Barrel.

Die Preise an den Produktmärkten für Benzin und Diesel und am Rohölmarkt haben sich seit Kriegsbeginn teilweise unterschiedlich entwickelt, denn es handelt sich um getrennte Märkte mit jeweils eigenen Angebots- und Nachfragefaktoren. Ein veränderter Rohölpreis kann als Kostenfaktor Auswirkungen auf die Kraftstoffpreise haben, muss es aber nicht.

Bedingt durch den Ukrainekrieg sind Kraftstoffe teurer geworden. Jüngst kamen Engpässe auf dem globalen Benzinmarkt hinzu: In den USA trifft der Beginn der Sommerfahrsaison auf niedrige Bestände in Raffinerien und Tanklagern. Das hat weltweit und damit auch in Deutschland Auswirkungen auf die Benzinpreise.

Die höheren Tankstellenpreise stellen für Autofahrer und Betriebe eine erhebliche finanzielle Belastung dar. Dies gilt europa- und sogar weltweit. Zahlreiche Nachbarländer haben darauf bereits mit Steuersenkungen reagiert.

Die weitere Markt- und Preisentwicklung hängt grundsätzlich von einer Vielzahl von Faktoren ab. Ausschlaggebend für den Preis an der Zapfsäule sind neben den Beschaffungskosten und dem Wechselkurs zum Dollar auch das jeweilige Wettbewerbsumfeld der Tankstelle sowie das Verbraucherverhalten.

Energiesteuersenkung

Die Bundesregierung wird im Juni die Energiesteuer auf Kraftstoffe befristet für drei Monate auf den EU-Mindestsatz senken. Bei Benzin ist das immerhin eine Senkung der Energiesteuer plus Mehrwertsteuer von ca. 35 Cents pro Liter. Das stellt die Tankstellengesellschaften vor besondere Herausforderungen, um Kundenerwartungen und Logistikanforderungen gerecht zu werden. Denn es ist zu erwarten, dass viele Kunden und Kundinnen am oder kurz nach dem
1. Juni ihre Fahrzeuge auftanken wollen.

Eine weitere Herausforderung bei der Weitergabe der Energiesteuersenkung ist die Steuersystematik: Anders als die Mehrwertsteuer wird die Energiesteuer nicht erst beim Verkauf an der Tankstelle fällig, sondern bereits dann, wenn Benzin und Diesel von den Raffinerien und großen Tanklagern an die Tankstelle geliefert werden. Sämtliche Kraftstoffe, die bis zum Stichtag 1. Juni in den Tanks der bundesweit rund 14.500 Stationen liegen, sind noch mit dem normalen Steuersatz belegt. Daher könnte sich der Effekt der niedrigeren Steuersätze nicht überall gleich am Stichtag um Mitternacht einstellen, sondern erst in der Folgezeit, wenn die normal versteuerten Kraftstoffe abverkauft und nach und nach die niedrig versteuerten Kraftstoffe angeliefert werden. Ziel unserer Mitgliedsunternehmen ist es, diese bislang einmalige logistische Herausforderung im Sinne der Kundinnen und Kunden zu meistern.

Situation kritische Infrastruktur

Auch der Cyberraum ist verstärkt Schauplatz koordinierter und schwerwiegender Angriffe auf Unternehmen und Regierungseinrichtungen geworden – wir stehen daher mit den zuständigen Behörden im engen Austausch, um die Bedrohungslage für die Mineralölindustrie durch Cyberangriffe fortwährend zu bewerten.

Die Betreiber kritischer Infrastrukturen müssen gegenüber dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) kontinuierlich hohe Sicherheitsanforderungen für Rohrfernleitungen, Raffinerien, Tanklager, Mineralölhandel und Tankstellenetze sowie Meldepflichten bei IT-Sicherheitsvorfällen umsetzen und nachweisen. Die in Deutschland für den Energiesektor geltenden Anforderungen gehen dabei weit über die verpflichtenden Mindestanforderungen der Europäischen Cybersicherheitsrichtlinie hinaus.

Die erhöhte Bedrohungslage für Deutschland im Zusammenhang mit der Ukrainekrise bleibt unverändert bestehen. Diese Situation kann sich nach Einschätzung des BSI jederzeit ändern. Gleichzeitig besteht jedoch keine akute Gefährdung der Informationssicherheit in Deutschland im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine. Die allgemeinen Warnungen und Empfehlungen des BSI gelten weiterhin.

Situation Mineralölversorgung

In den vergangenen Jahren bezog Deutschland rund ein Drittel seiner Rohölimporte aus Russland. Die Mineralölwirtschaft in Deutschland hat gleich zu Kriegsbeginn von sich aus die schrittweise Reduzierung von Importen an russischem Rohöl und Mineralölprodukten, vorrangig Diesel, angekündigt. Auch wenn keine neuen Verträge über russische Rohölimporte mehr abgeschlossen werden, müssen laufende Vertragsverpflichtungen, die häufig bis Jahresende gelten, eingehalten werden. Das Ziel, bis Jahresende aus russischen Ölimporten auszusteigen, wird von unserer Branche unterstützt.

Ein solcher Ausstieg ist eine große Herausforderung. Zusammen mit den Mineralölgesellschaften und dem Bundeswirtschaftsministerium prüfen wir intensiv den schnellstmöglichen Ersatz russischen Öls durch andere Importe. Das bedeutet auch erhebliche Anforderungen an die Logistik, sowohl bei den globalen Produktströmen, aber auch in Deutschland.

Technisch vergleichsweise einfach ist der Ausstieg für die Raffinerien im Norden, Westen und Süden des Landes, die wiederum ca. ein Drittel der Importe russischen Rohöls verarbeiten. Diese Standorte erhalten seit jeher das Rohöl über die Seehäfen Wilhelmshaven, Rotterdam oder Triest, mit den deutschen Raffinerien über Pipelines verbunden sind. Mit dieser Struktur ist eine Flexibilität bei der Versorgung mit verschiedenen Rohölen möglich. Demzufolge konnte hier der Bezug russischen Rohöls bereits signifikant reduziert werden.

Anders stellt sich die Situation für die beiden ostdeutschen Raffinerien in Leuna und Schwedt dar, die bislang mit russischem Rohöl über die Druschba-Pipeline versorgt werden. Für den Raffineriestandort Leuna in Sachsen-Anhalt zeichnet sich nach en2x-Einschätzung ein Weiterbetrieb über eine Pipeline vom Seehafen Danzig ab, allerdings nicht in bisherigem Umfang. Die Raffinerie Schwedt in Brandenburg kann zum Teil über eine Pipeline vom Seehafen Rostock mit Rohöl versorgt werden. Auch in der Vergangenheit wurde diese Pipeline bereits genutzt, etwa bei Problemen in der Druschba-Pipeline. Allerdings liegt die Kapazität der Versorgung über Rostock an der Untergrenze, welche die Raffinerie für einen Minimalbetrieb benötigt.

Neben diesen technischen Herausforderungen ist zu berücksichtigen, dass ein wirtschaftlicher Betrieb der Anlagen so kaum möglich ist. Eine weitere Herausforderung ist, dass beide Raffinerien auf die Verarbeitung des russischen Rohöls ausgelegt sind. Für eine alternative Versorgung ist es voraussichtlich erforderlich, dass passende Rohölmischungen vorab hergestellt und angeliefert werden, da an beiden Standorten keine Möglichkeiten zum Mischen von Rohölen im großen Maßstab vorhanden sind. Aus Sicht von en2x ist sehr zu begrüßen, dass die Bundesregierung Gespräche mit der polnischen Regierung aufgenommen hat, um gemeinsam mit Vertretern der betroffenen Unternehmen auszuloten, wie die Versorgungssituation in Ostdeutschland und Polen insgesamt optimiert werden kann.

In Summe würden dennoch infolge der Umstellung der Raffinerien auf Teillastbetrieb in den Regionen Mineralölprodukte fehlen, die durch Transporte innerhalb Deutschlands und durch zusätzliche Importe aus dem Ausland ersetzt werden müssten. Zudem besteht die Herausforderung, rund 4 Millionen Tonnen Diesel-Importe pro Jahr aus Russland zu ersetzen. Daran arbeitet die über en2x organisierte Mineralölwirtschaft bereits. Ein Großteil der zusätzlichen Produkttransporte innerhalb Deutschlands müsste voraussichtlich über Kesselwagenzügen erfolgen, was eine höhere Priorisierung von Mineralöltransporten auf der Schiene erfordert, um Versorgungsengpässe zu vermeiden.

Die weiteren Entscheidungen zur Versorgungslage liegen vorrangig bei der nationalen, europäischen und globalen Politik. Sollten Lieferungen kurzfristig ausfallen, ist das eine Herausforderung, mit der wir uns derzeit intensiv beschäftigen. Dabei verschaffen die Reserven der gesetzlich vorgeschriebenen Erdölbevorratung Sicherheit. Der Erdölbevorratungsverband (EBV) hält jederzeit Erdöl und Erdölerzeugnisse in Höhe der in einem Zeitraum von 90 Tagen netto nach Deutschland eingeführten Mengen vor. Derzeit werden rund 15 Millionen Tonnen Rohöl und 9,5 Millionen Tonnen fertige Mineralölerzeugnisse bevorratet. Mit Ottokraftstoff, Dieselkraftstoff, Heizöl und Flugturbinenkraftstoff werden die wichtigsten Erdölerzeugnisse unmittelbar vorgehalten; andere können durch die Verarbeitung von Rohölreserven hergestellt werden. Diese strategischen Reserven sind über ganz Deutschland verteilt, um auf regionale Versorgungsstörungen schnell reagieren zu können.

Ausblick zur Energieversorgung

Auch wenn wir den weiteren Verlauf des Krieges und dessen Folgen nicht vorhersehen
können – klar ist: Die aktuellen Entwicklungen werden großen und nachhaltigen Einfluss
auf die Energieversorgung der Zukunft nehmen. Ziel muss sein, unsere Energieversorgung künftig auf eine breitere Basis zu stellen und dabei immer mehr auf treibhausgasneutrale Energie zu setzen.

Wir stimmen mit der Bundesregierung überein, dass eine große Energievielfalt mit einem starken Fokus auf Klimaschutz der richtige Weg für eine ebenso sichere wie nachhaltige Versorgung ist. Unsere Mitgliedsunternehmen arbeiten bereits daran, dass künftig mehr alternative flüssige Energieträger (Bio- und synthetische Kraft- und Brennstoffe) zur Verfügung stehen, dass die Produktion von treibhausgasneutralem Wasserstoff mittels Ökostrom auf- und ausgebaut wird, entsprechende Importe verstärkt werden und ein flächendeckendes Lade- und Tankstellennetz für Batterie- und Brennstoffzellenfahrzeuge aufgebaut wird.

Allerdings wird Deutschland auch bei einem massiven Ausbau der einheimischen Erzeugung von Wind- und Sonnenstrom langfristig nicht energieautark werden. Wir unterstützen daher ausdrücklich den von der Bundesregierung angekündigten beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien im Inland wie auch den schnellen Aufbau von Importinfrastrukturen für Wasserstoff und alternative Kraftstoffe. Hierbei wollen und werden die en2x-Mitgliedsunternehmen eine treibende Rolle spielen.

Download Übersicht Ukrainekrieg und Mineralölversorgung

Der en2x – Wirtschaftsverband Fuels und Energie e. V. hat  in einer Übersicht die derzeitige Situation im Hinblick auf die Versorgung mit Mineralölprodukten zusammengefasst, die sie hier herunterladen können.

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