„Wir wollen zu Netto Null CO2

Interview mit Dr. Fabian Ziegler, en2x-Vorstandsvorsitzender

17.02.2022 | Die Mineralölwirtschaft in Deutschland steht für eine treibhausgasreduzierte Energieproduktion und -nutzung, sie strebt das Ziel von Netto Null CO2-Emissionen bis 2045 an. Der neu gegründete Wirtschaftsverband Fuels und Energie e. V. – en2x wird hierbei eine entscheidende Rolle übernehmen. Dr. Fabian Ziegler, Vorstandsvorsitzender des en2x und Vorsitzender der Geschäftsführung der Shell Deutschland GmbH, informiert in einem Interview, das er im Februar 2022 dem energiewirtschaftlich ausgerichteten Themen!magazin gab, über die angestrebten Ziele.

Herr Dr. Ziegler, warum ein neuer Wirtschaftsverband?

Die Zukunft von Fuels und Energie muss treibhausgasneutral sein und um dieses Ziel zu erreichen, ist ein umfassender Transformationsprozess notwendig. Unsere Branche kann hier mit einer Vielzahl von Energieträgern und Technologien Schlüsselbeiträge zum Erreichen der Klimaziele leisten. Für diese Zielstellung wurden das Institut für Wärme und Mobilität (IWO) und der Mineralölwirtschaftsverband (MWV) im neuen „en2x – Wirtschaftsverband Fuels und Energie e. V.“ vereinigt. Mit dem Zusammenschluss unterstreicht die deutsche Mineralölwirtschaft ihre Rolle in der Energiewende jetzt auch auf Verbandsebene. Denn die Vielfalt der Branche zeigt sich in der Bandbreite der 34 Mitgliedsfirmen: Egal ob internationale Unternehmen oder regional verankerter Mittelstand – sie alle sorgen dafür, dass die Wirtschaft produzieren kann, dass wir mobil bleiben, dass wir es zu Hause warm haben.

Für Energievielfalt sowie die Transformation von derzeit noch weitgehend fossilen hin zu treibhausgasneutralen Produkten steht auch der Name en2x: Er wird „n-to-x“ ausgesprochen und ist abgeleitet von „energy to x“ – wobei das „x“ die Vielzahl an Energieträgern, Herstellungs- und Einsatzmöglichkeiten symbolisiert. Unsere Branche will mit ihren Technologien, ihrem Know-how und mit neuen Produkten Teil der Lösung sein. Und das heißt ganz klar: Am Ende des Prozesses wird die Mineralölwirtschaft keine Mineralölwirtschaft mehr sein.

Welche Aufgaben stellt sich der Verband?

Der Verband unterstützt seine Mitgliedsunternehmen bei der Transformation – weg von heute überwiegend fossilen Erzeugnissen, hin zu klimaneutralen  Energien. Die Branche will ihren Kunden künftig zunehmend neue Produkte anbieten: von grünem Wasserstoff über moderne Biokraftstoffe und E-Fuels bis hin zu Ökostrom. Ob CO2-neutraler Wasserstoff, alternative Kraft- und Brennstoffe, neue Produkte für die chemische Industrie oder Ladestationen für Strom aus erneuerbaren Energien an der Tankstelle: Die derzeitige  Mineralölwirtschaft wird ihr Leistungsspektrum nachhaltig erneuern.

Ziel ist Klimaneutralität 2045. Langfristig geht dies nur mit dem Import treibhausgasneutraler Energien, die schrittweise an die Stelle bisheriger, fossiler Energieimporte treten müssen, um den Energiebedarf Deutschlands zu decken. Unser Verband setzt sich darum für die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen zum Markthochlauf dieser klimaschonenden Produkte ein – sowohl für solche aus inländischer Herstellung wie auch für Importe.

Wie bewertet der Verband den Koalitionsvertrag?

Um die Energiewende zum Erfolg zu machen, müssen auch die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen stimmen. Der Koalitionsvertrag klingt vielversprechend und enthält zahlreiche notwendige und auch gute Maßnahmen
zum Erreichen der Klimaziele. Kosteneffizienz, Technologie-Offenheit und der CO2-Preis sollen demnach eine wichtige Rolle spielen. Der Vertrag lässt aber zu viele erforderliche Optionen ungenutzt. Denn ein robuster Weg zu mehr Klimaschutz muss alle Technologieoptionen und CO2-neutralen Produkte einschließen.

So wird die jetzt notwendige Transformation – weg von fossilen Produkten und Rohstoffen und hin zu klimaschonenden Alternativen – im Hinblick auf CO2-neutralen Wasserstoff zwar gut berücksichtigt. Das gilt jedoch nicht für flüssige Energien, die mit grünem Strom hergestellt werden, wie auch für nachhaltige Kraft- und Treibstoffe aus Biomasse. Solche CO2-neutralen Energieträger sind im See- und Luftverkehr unverzichtbar. Sie können und müssen aber auch im Gebäudebestand und bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor für deutlich mehr Klimaschutz sorgen.

Notwendig ist zum Beispiel eine ausdrückliche Anerkennung alternativer Fuels in der EU-Flottenregulierung und eine neue Energiesteuer, die sich an der Klimawirkung von Kraftstoffen orientiert, wie sie die EU-Kommission vorgeschlagen hat. Nimmt die neue Koalition diese Punkte gleich zum Start stärker in den Fokus, steigen die Chancen, die ehrgeizigen Klimaschutzziele auch zu erreichen.

Um die Klimaziele zu erreichen, setzt die neue Bundesregierung in der Energieversorgung vor allem auf erneuerbaren Strom und CO2-neutralen Wasserstoff aus Deutschland. Die große Bedeutung eines globalen Marktes für grüne Energieträger gerade für ein Industrieland wie Deutschland findet dagegen noch zu wenig Beachtung. Dabei zeigen Studien schon heute, dass die Klimaziele ohne die massive Einfuhr von CO2-neutralem Wasserstoff und insbesondere auch alternativen flüssigen Kraftstoffen kaum erreicht werden können. Bundesregierung und Bundestag werden vor dem Hintergrund der ambitionierten nationalen und europäischen Klimaschutzziele für 2030 den bestehenden Regulierungsrahmen deutlich anpassen müssen.

Primärenergieverbrauch nach Energieträgern in Deutschland

Behalten künftig Raffinerien und Tankstellen ihre Bedeutung?

Der Anteil von Mineralöl an der gesamten deutschen Energieversorgung beträgt aktuell rund ein Drittel. Einschließlich der Kundenemissionen entspricht dies in etwa auch dem Anteil des nationalen CO2-Fußabdrucks der Branche an den gesamten Kohlendioxid-Emissionen. Diesen Fußabdruck müssen und wollen wir bis 2045 auf netto Null bringen. Von den Mineralölprodukten gehen derzeit rund 60 Prozent in den Verkehr und knapp 20 Prozent in die Wärmeversorgung; der
Rest von gut 20 Prozent sind Ausgangsstoffe für die chemische Industrie, etwa als Bitumen für Dächer, Straßen und Radwege sowie als Schmierstoffe für Maschinen oder Windräder.

Mit welcher Botschaft des Verbandes an die Politik gehen Sie in das Jahr 2022?

Wenn es gelingt, manche Punkte noch mehr in den Blick zu nehmen, bin ich mir sicher, dass unsere Mitgliedsunternehmen mit ihren vielfältigen Angeboten eine starke Rolle beim Gelingen der Energiewende spielen werden. Wir wollen mit den politisch Verantwortlichen sprechen und uns dem kritischen Dialog mit der Gesellschaft stellen. Aber eines dürfen wir auf keinen Fall vergessen: Wir müssen und wollen die Menschen, unsere Kunden mitnehmen, denn ohne sie wird und kann die Energiewende nicht gelingen.

Der neue Verband en2x steht ausdrücklich für ein Gesprächsangebot der Branche und soll den kritischen Austausch deutlich stärken. Wir suchen gemeinsam mit anderen an der Energiewende Beteiligten nach den besten Lösungen. Dazu gehört für uns die breite Diskussion mit Politik und Behörden, Umweltverbänden, Wirtschaft und Verbrauchern. Dabei werden wir uns auch mit Kritik an unserer Branche und ihren Produkten auseinandersetzen.

Quelle: Themen-Magazin 01/2022

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